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Wladimir Putin: Der russische Präsident hat sein Land durch seinen Ukraine-Krieg nachhaltig verändert. (Quelle: IMAGO/Vyacheslav Prokofyev/imago)
Russlands Präsident hat sein Land auf einen langen Krieg vorbereitet. Doch ausgerechnet ein Ende der Kämpfe könnte das System vor Herausforderungen stellen, für die der Kreml bislang keine Lösung hat.
Irgendwann werden die Züge zurückrollen, nach Hause. Soldaten werden aus den Schützengräben und zerstörten Städten der Ukraine in ihre Heimat zurückkehren. Manche werden gefeiert werden. Andere werden schweigen. Viele werden in ein Land kommen, das sich in den vergangenen Jahren vollständig auf den Krieg ausgerichtet hat.
Während der Westen seit Monaten über mögliche Friedensverhandlungen, Waffenstillstände und territoriale Kompromisse diskutiert, steht Russland vor einer Herausforderung, die weit über den Krieg hinausgeht. Überspitzt gesagt: Wladimir Putin könnte am Frieden scheitern.
Das klingt paradox. Schließlich hat der Kreml sein Herrschaftssystem zuletzt stabilisiert, weil er Putins Krieg politisch kontrollieren konnte. Doch dieselben Mechanismen, die dem System in Russland im Krieg Stabilität verleihen, könnten sich nach dem Ende der Kämpfe als Belastung erweisen.
Veteranen, eine überhitzte Kriegswirtschaft, die ungelöste Frage von Putins Nachfolge und die politische Bilanz des Krieges könnten Russland nach einem Friedensschluss stark herausfordern. Die eigentliche Bewährungsprobe für Putins System beginnt womöglich erst dann, wenn die Waffen schweigen.
Eine Generation kehrt verändert zurück
Nach Schätzungen westlicher Geheimdienste und Militärbeobachter wurden seit Beginn der Invasion Hunderttausende russische Soldaten getötet oder verwundet. Genaue Zahlen veröffentlicht Moskau nicht. Klar ist jedoch: Keine russische Generation seit Afghanistan hat einen Krieg dieser Größenordnung erlebt.
Der Kreml bereitet sich längst auf die Rückkehr der Soldaten vor. Veteranenprogramme werden ausgeweitet, ehemalige Frontkämpfer sollen gezielt in Verwaltungen, Schulen und politische Organisationen integriert werden. Die Botschaft: Die Veteranen sollen zu Trägern des Systems werden, nicht zu einer Bedrohung für dessen Stabilität.
Dass der Kreml diesem Thema so viel Aufmerksamkeit widmet, dürfte kein Zufall sein.
Die amerikanische Denkfabrik Institute for the Study of War verweist auf eine seit Jahren laufende Kampagne, mit der Moskau versucht, unabhängige Veteranenorganisationen zu verhindern und stattdessen staatlich kontrollierte Strukturen aufzubauen. Dahinter steht offenbar eine alte russische Sorge: die Angst vor einem neuen "Afghanistan-Syndrom".
Nach dem sowjetischen Rückzug aus Afghanistan kehrten Ende der 1980er-Jahre Hunderttausende desillusionierte Veteranen in ein Land zurück, das wirtschaftlich stagnierte und politisch an Orientierung verlor. Viele Historiker sehen darin einen Faktor, der die Krise der späten Sowjetunion verschärfte. Heute wären die Dimensionen deutlich größer.
Denn russische und westliche Beobachter gehen davon aus, dass am Ende des Krieges ein Vielfaches der Afghanistan-Veteranen in die Gesellschaft zurückkehren wird. Viele von ihnen haben jahrelange Kriegserfahrung, zahlreiche tragen körperliche oder psychische Verletzungen davon.
Die Geschichte lehrt, dass Veteranen nicht automatisch eine Stütze der Macht sind. Wer für den Staat gekämpft hat, erwartet Anerkennung, soziale Sicherheit und Einfluss. Werden diese Erwartungen enttäuscht, kann Loyalität in Frustration umschlagen.
Wirtschaft im Ausnahmezustand
Inwieweit Veteranen zum Unruhepol werden, hängt davon ab, ob es dem Land gelingt, sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Russlands Wirtschaft hat bislang die westlichen Prognosen eines schnellen Zusammenbruchs widerlegt. Doch die scheinbare Stabilität verdeckt strukturelle Probleme.
Das Wachstum der vergangenen Jahre wurde maßgeblich durch den Krieg angetrieben. Die Militärausgaben liegen auf Rekordniveau. Rüstungsbetriebe arbeiten im Mehrschichtbetrieb. Ganze Regionen profitieren von staatlichen Aufträgen für die Armee. Doch eine Kriegswirtschaft liefert keine Antwort auf die Frage, wie es nach Kriegsende wirtschaftlich weitergehen soll.
Was passiert mit Fabriken, deren Produktion fast ausschließlich auf militärische Nachfrage ausgerichtet ist? Wie sollen die enormen Staatsausgaben langfristig finanziert werden? Und wie lässt sich der Arbeitskräftemangel bewältigen, der sich durch Krieg, Auswanderung und den demografischen Niedergang weiter verschärft hat?
Neuere Analysen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholmer Institute of Transition Economics zeichnen ein ernüchterndes Bild. Die Reserven des russischen Staatsfonds sind stark geschrumpft, die Öl- und Gaseinnahmen stehen unter Druck, gleichzeitig leidet die Wirtschaft unter einem Mangel an Arbeitskräften und Produktionskapazitäten.
Noch gravierender könnte aber eine andere Entwicklung werden. Seit Beginn des Krieges hat sich Russland wirtschaftlich vom Westen gelöst – und zugleich stärker an China gebunden. Peking ist inzwischen der mit Abstand wichtigste Handelspartner Russlands. Es liefert Maschinen, Elektronik, industrielle Vorprodukte und zahlreiche Güter, die für die russische Wirtschaft und Teile der Rüstungsindustrie unverzichtbar geworden sind. Damit ist eine neue Abhängigkeit entstanden.
Der Krieg sollte Russland nach Putins Vorstellung unabhängiger machen. Tatsächlich hat er die wirtschaftliche Asymmetrie gegenüber China deutlich vergrößert. Peking kann mittlerweile die Bedingungen seiner Beziehungen zu Russland weitgehend selbst bestimmen. Viele russische Ökonomen sehen darin eine der größten strategischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Der Krieg hat wirtschaftliche Probleme nicht gelöst. Er hat sie lediglich überdeckt.
Frage nach dem Sinn des Krieges
Noch schwieriger könnte für den Kreml eine andere Entwicklung werden: die Frage nach der politischen Legitimation des Krieges.
Solange die Kämpfe andauern, kann die Führung in Moskau wirtschaftliche Belastungen, Gefallene und Einschränkungen mit dem Verweis auf einen existenziellen Konflikt rechtfertigen. Die staatliche Propaganda vermittelt seit Jahren das Bild eines Russlands, das sich gegen einen feindlichen Westen verteidigen müsse. Der Krieg ist zum zentralen politischen Narrativ des Systems geworden.
Ein Frieden verändert diese Logik.
Dann werden viele Russen nicht mehr nur fragen, ob der Krieg gewonnen wurde. Sie werden fragen, wofür die enormen Opfer gebracht wurden. Für zahllose Familien ist der Krieg längst keine geopolitische Auseinandersetzung mehr, sondern eine persönliche Erfahrung von Verlust und Entbehrung.
Je unklarer die Antworten auf diese Fragen ausfallen, desto schwieriger wird es für den Kreml, die gesellschaftliche Geschlossenheit der Kriegsjahre aufrechtzuerhalten. Sollte Russland lediglich 20 Prozent der Ukraine erobert haben, fällt die Endabrechnung für Putin angesichts von Hunderttausenden Opfern und einer am Boden liegenden Wirtschaft desaströs aus.
Die ungelöste Machtfrage
Dabei geht es für Putin auch um sein Vermächtnis. Der Kremlchef wird im Oktober 74 Jahre alt. Zwar gibt es keine Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Machtwechsel. Doch je länger der Krieg dauert, desto stärker rückt die Frage in den Vordergrund, wie Russland ohne seinen langjährigen Machthaber funktionieren soll.
Autoritäre Systeme wirken oft besonders stabil – bis die Nachfolgefrage aufbricht.
Das gilt besonders für Russland. In den vergangenen Jahren wurde politische Macht immer stärker auf den Präsidenten konzentriert. Institutionen, die einen geordneten Übergang organisieren könnten, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Viele Entscheidungen hängen von persönlichen Loyalitäten und informellen Netzwerken ab.
Gleichzeitig hat der Krieg neue Machtzentren hervorgebracht. Sicherheitsapparate haben ihren Einfluss ausgebaut. Armee, Geheimdienste und Polizei gewinnen an Bedeutung. Regionale Eliten konkurrieren um Ressourcen und politische Nähe zum Kreml.
Solange Putin diese Gruppen ausbalanciert, bleibt das System stabil. Doch je länger dieser Zustand anhält, desto schwieriger wird ein geordneter Übergang. Die Geschichte autoritärer Staaten zeigt, dass Machtwechsel oft nicht an Wahlen scheitern, sondern an ungelösten Rivalitäten innerhalb der Eliten. Der Krieg hat solche Rivalitäten nicht beseitigt. Er hat sie vorerst überlagert.
Die Sowjetunion zerfiel nicht auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie zerfiel, als wirtschaftliche Probleme, gesellschaftliche Erwartungen und politische Unsicherheit zusammenfielen. Niemand behauptet, dass Russland vor einem ähnlichen Szenario steht. Doch ein erfolgloser Krieg, ein alternder Präsident und eine schwächelnde Wirtschaft werden das russische System zumindest ins Wanken bringen.
Die gefährlichste Phase steht noch bevor
Bislang richtete sich der Blick der Welt mehr als vier Jahre lang auf die Frontlinien in der Ukraine. Dort wird entschieden, wer Gebiete kontrolliert und militärische Vorteile erzielt. Die Zukunft Russlands entscheidet sich womöglich an einem anderen Ort: im Inneren des Landes. Dort zeigt sich, ob ein Staat, der auf Krieg ausgerichtet wurde, auch einen Frieden bewältigen kann.
Dieser Prozess ist nicht ungefährlich. Russland ist die Macht mit dem größten Atomarsenal weltweit. In dem Land leben viele Völker, die oft vor allem durch eine starke Führung in Moskau – teilweise mit Gewalt – zusammengehalten werden. Nur Putin ist so schwach wie selten zuvor.
Das führt zu einem Risiko, das auch viele westliche Staaten um jeden Preis verhindern möchten: einem Russland, das aufgrund von Machtkämpfen zerfällt. Da auch Putin dieses Szenario fürchtet, gilt es als wahrscheinlich, dass er seine Nachfolge bereits geregelt hat. Sollte jedoch nach Kriegsende ein Machtvakuum entstehen, ist es fraglich, ob die Pläne umgesetzt werden können.
Russland steht vor einer ungewissen Zukunft. Vielleicht entscheidet sich die Zukunft von Putins System nicht auf den Schlachtfeldern der Ukraine – sondern an dem Tag, an dem die Soldaten nach Hause kommen.


6 days ago
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