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Orgo-Life the new way to the future Advertising by AdpathwayGuten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
heute vor 35 Jahren, am Morgen des 19. August 1991, rollten Panzer durch Moskau. Ihre Kommandeure glaubten, Geschichte zu schreiben: Eine Handvoll Politbüro-Apparatschiks – Vizepräsident, KGB-Chef, Verteidigungsminister – hatte in der Nacht zuvor beschlossen, das sinkende Schiff der Sowjetunion mit Gewalt über Wasser zu halten. Sie setzten den reformfreudigen Generalsekretär Michail Gorbatschow in seiner Krim-Datscha unter Hausarrest, drehten ihm die Telefonleitungen ab und verkündeten im Staatsfernsehen den Ausnahmezustand. Es sollte die Rettung in letzter Minute sein. Es wurde der Beschleuniger des Zerfalls.
Denn die Verschwörer hatten das Entscheidende übersehen: Man kann ein Reich nicht dauerhaft mit Kettenfahrzeugen zusammenhalten, wenn die Menschen darin nicht mehr daran glauben. Boris Jelzin kletterte vor dem Weißen Haus auf einen Panzer und wetterte gegen die Putschisten. Binnen drei Tagen war der Putsch zerfallen wie ein schlechter Traum, vier Monate später existierte die Sowjetunion nicht mehr. Die Generäle hatten das Gegenteil dessen bewirkt, was sie wollten – eine historische Lehre, die sich immer wieder zeigt, wenn Diktatoren meinen, Loyalität lasse sich befehlen, ohne dafür etwas zu geben.
In den Kadern der zerbrechenden Sowjet-Ordnung diente damals ein junger KGB-Offizier in Dresden, der den Zusammenbruch des Ostblocks aus nächster Nähe erlebte: die aufgebrachte Menschenmenge vor dem Tor, die eilig verbrannten Aktenberge, die Ohnmacht des einst allmächtigen Apparats. Wladimir Putin hat diese Ohnmacht nie vergessen. Den Untergang der UdSSR nannte er später die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" – ein Satz, der wie ein Schlüssel in jedes Schloss seiner späteren Politik passt.
Was 1991 als Farce endete, hat Putin in ein Programm verwandelt. Er will, was die Putschisten wollten: die verlorene Größe wiederherstellen. Nur ist er gerissener und skrupelloser, als sie es waren. Er weiß, dass Panzer allein nicht genügen. Man braucht auch eine Erzählung. Deshalb hat er eine Lügengeschichte gesponnen, die er den Russen seit Jahren im Fernsehen und im Internet, in den Schulen und Betrieben eintrichtern lässt: die Legende vom angeblich eingekreisten und gedemütigten Russland, das sich gegen einen angeblich aggressiven Westen zur Wehr setzen müsse.
Diese Erzählung erfüllt einen präzisen Zweck. Ein Herrscher, der seinem Volk kein besseres Leben zu bieten vermag, muss ihm einen Feind bescheren, um die Menschen hinter sich zu scharen. Russland verfügt über sagenhafte Bodenschätze – Öl, Gas, Metalle, deren Erträge ein blühendes Land finanzieren könnten. Stattdessen sind sie in die Taschen einer mafiösen Clique geflossen, während das Gros der Bevölkerung verarmt. Wer die Verteilungsfrage nicht beantworten will, verschiebt sie in die Feindfrage. Wer die Demokratie fürchtet – und Putin fürchtet sie wie der Teufel das Weihwasser, weil sie das Ende jeder unkontrollierten Herrschaft bedeutet –, der braucht den permanenten Ausnahmezustand.
Seit über vier Jahren führt Russland deshalb einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der die Propaganda vom "Faschismus" der Nachbarn zur monströsen Selbstbezichtigung wendet: Es sind Putins Raketen, die Wohnhäuser, Umspannwerke und Schulen zertrümmern. Und es sind seine eigenen Landsleute, die er zu Hunderttausenden in den Todeszonen im Donbass verheizt – als sei das Leben russischer Soldaten der billigste aller Rohstoffe. Das ist die zynische Symmetrie seiner Herrschaft: Er beschwört die Größe Russlands und opfert dafür die Russen.
Inmitten dieses epochalen Angriffs auf die europäische Friedensordnung leistet sich Deutschland eine fast schon fahrlässige Fehleinschätzung der Gefahr. Noch immer geht die Wiedererlangung der Verteidigungsfähigkeit zu langsam voran. Und wenn ein deutsches Nachrichtenmagazin einen AfD-Landespolitiker zum angeblich "gefährlichsten Mann Deutschlands" stilisiert, ist das nicht nur eine groteske Verzerrung der Proportionen, sondern auch ein Symptom gefährlicher Kurzsichtigkeit. Der gefährlichste Mann für Deutschland und Europa sitzt im Kreml. Sein Krieg ist längst auch unserer. Er führt ihn mit Sabotageakten, Cyberangriffen, der gezielten Unterwanderung unserer politischen Debatten durch Fake-News-Kampagnen und, wie die jüngste Attacke mit einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig nahelegt, wohl auch mit handfesten Anschlägen auf die deutsche Infrastruktur.
Die direkte Linie vom August 1991 zu heute ist die der unbewältigten imperialen Phantomschmerzen, die unter Putin zu einer mörderischen Realität geworden sind. Deutschland muss dieser Bedrohung endlich mit der gebotenen Entschlossenheit begegnen. Nicht säbelrasselnd, sondern stocknüchtern. Einem neuen Gesetzentwurf zufolge sollen die Geheimdienste nun die Erlaubnis zum digitalen Zurückschlagen erhalten – ein notwendiger Schritt, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Was es dringend braucht, ist eine gesamtgesellschaftliche Resilienz-Offensive nach dem Vorbild Schwedens und Finnlands. Die Bedrohung aus dem Osten muss aus den Hinterzimmern der Sicherheitspolitik ins Bewusstsein der gesamten Gesellschaft rücken. Schüler, Angestellte, Manager, Beamte – alle Bürger sollten über die hybride Kriegsführung des Putin-Regimes aufgeklärt werden. Mehr noch: Sie sollten klare Aufgaben für den Krisen- und Verteidigungsfall erhalten. Nicht jeder an der Waffe, natürlich nicht. Aber wer regelt den Verkehr, falls nach einer Cyberattacke großflächig die Ampelsysteme ausfallen? Wer koordiniert die Evakuierung von Seniorenheimen im Falle eines Drohnenangriffs? Wer sichert die Logistik der Lebensmittelversorgung, falls Putin seine Armee tatsächlich nach Westen marschieren lässt?
Damit im Angriffsfall kein Chaos ausbricht, muss jeder Bürger vorher wissen, was zu tun ist. Wenn jeder seine Rolle kennt, kann jeder helfen, das Land zu verteidigen – durch zivilen Widerstand, durch schnelle Organisation, durch Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. So bereiten sich die Schweden, Finnen, Norweger vor. Anders als die Regierenden hierzulande haben sie die Zeichen der Zeit erkannt.
Die Epoche der trügerischen Sicherheit, in die sich die deutsche Gesellschaft über Jahrzehnte eingelullt hat, ist zu Ende. Die Pflicht der Regierenden ist es nun, die Bevölkerung nicht weiter zu beruhigen, sondern sie wachzurütteln. Nur wer sich auf Krisen vorbereitet, kann ihre schlimmsten Ausschläge verhindern.


2 weeks ago
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