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So macht Schwesig den Grünen das Leben schwer
19.09.2026 - 12:42 UhrLesedauer: 8 Min.

Manuela Schwesig (l.) und die Spitzenkandidatin der Grünen, Claudia Müller: Die SPD-Ministerpräsidentin zieht Stimmen von den kleinen Parteien ab. (Quelle: Montage t-online/ Quelle: Imago/Johannes Koziol, dts Nachrichtenagentur, Dominik Butzmann)
Endspurt in Mecklenburg-Vorpommern: Die Grünen kämpfen um den Wiedereinzug ins Parlament und setzen auf strategisches Wählen. Doch mit Manuela Schwesig haben sie eine ernst zu nehmende Gegnerin.
Erst mal Kaffee. Claudia Müller steht in einem Kulturzentrum in Rostock. Es ist früh am Morgen, die Grüne hat einen Becher in der Hand. Grünen-Chefin Franziska Brantner ist auch da, auf der Agenda steht ein "Feministisches Frühstück". Ob sie beide schon mal in den Veranstaltungsraum gehen wollten, fragt Brantner die grüne Spitzenkandidatin Müller. Gleich, gibt Müller zu verstehen. Noch einen Schluck Kaffee. Dann kann es losgehen.
Es ist Endspurt im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, Müller absolviert einen Termin nach dem anderen. Am Sonntag wird in dem Bundesland im Nordosten gewählt. SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der AfD. Auf Kosten der kleineren Parteien, wie die Grünen beklagen, die hier traditionell schwach sind. Sie stehen in Umfragen konstant bei fünf Prozent, kämpfen um den Wiedereinzug ins Parlament. Für die Grünen geht es hier um alles oder nichts.
Kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen prophezeiten Umfragen den Grünen dort ebenfalls, dass es knapp werden könnte. Die Partei kam in den Befragungen auf bis zu sechs Prozent. Doch egal, mit wem man kurz vor dieser Wahl mit den Grünen sprach: Alle gaben sich felsenfest davon überzeugt, dass es reichen würde. Und so kam es dann auch: 8,9 Prozent für die Grünen, bestes Ergebnis jemals für die Partei in dem Bundesland.
In Mecklenburg-Vorpommern ist die Lage anders. Niemand von den Grünen scheint etwas darauf wetten zu wollen, dass es am Sonntag reichen wird, um über die Fünfprozenthürde zu kommen. Die Grünen geben sich hoffnungsvoll, ja. Aber die vorherrschende Meinung: Das wird verdammt knapp. Was die Grünen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern gemein haben: einen Wahlkampf, der auf strategisches Wählen setzt.
Der Schwesig-"Staubsauger"
In Sachsen-Anhalt ist das gelungen. Die dortige Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz rief dazu auf, die Grünen zu wählen, um eine Alleinregierung der AfD zu verhindern. Das Argument: Je mehr Parteien im Parlament vertreten sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die AfD die absolute Mehrheit der Sitze erringt. Diese Mobilisierungsstrategie ging wegen der Schwäche der CDU in Sachsen-Anhalt auf, sie war ein Erfolgsrezept. In Mecklenburg-Vorpommern hingegen ist die Ausgangslage für die Grünen schlechter.
Das liegt zum einen an der Stärke von Manuela Schwesig. Sie macht mit dem Slogan "Die Frau gegen Blau" Wahlkampf und liefert sich eine spektakuläre Aufholjagd mit der AfD. Ich oder die AfD – das ist Schwesigs Leitspruch. Damit dürfte sie aber vor allem Stimmen von CDU, Linken und Grünen abziehen. Zum anderen droht in Schwerin wohl keine Alleinregierung der AfD, dafür ist die Partei von Spitzenkandidat Leif-Erik Holm in Umfragen nicht stark genug.
Die grüne Spitzenkandidatin Müller kann also lediglich mit dem Argument mobilisieren, dass es ihre Partei für eine stabile Mehrheit im Parlament braucht. Ob das genügend Menschen hinter dem Ofen hervorlockt, ein Momentum für die Grünen schafft – offen. Und fraglich ist auch, wie überzeugend das überhaupt ist, denn Schwesig hält offensiv dagegen und macht den Grünen das Leben schwer.
Die SPD-Frau regiert aktuell mit den Linken. Dass es für eine Zweierkoalition noch einmal reichen wird, ist nicht ausgemacht. Sollte das nicht der Fall sein, braucht die SPD-Politikerin einen dritten Koalitionspartner. Ein gemeinsames Bündnis mit CDU und Linken kommt wegen des Unvereinbarkeitsbeschlusses der CDU mit der PDS-Nachfolgepartei nicht infrage. Bleiben also nur die Grünen – falls sie denn den Einzug ins Parlament schaffen: So argumentiert Müller.
Schwesig hingegen setzt darauf, dass die Grünen aus dem Landtag fliegen, um ihre Zweierkoalition zu retten. Daraus macht sie keinen Hehl. "Wenn die Grünen nicht im Landtag wären, könnte es für Rot-rot reichen", sagte sie im ZDF-"Morgenmagazin" am Freitag. Es ist ein wirklich beachtlicher Satz, der die Grünen wütend macht. Sie sprechen vom „Spiel mit dem Feuer“.
Schwesig pokert hoch, aber könnte recht behalten. Genauso könnte Müller am Ende richtig liegen. Und schließlich gibt es auch noch das BSW. Schon in Sachsen-Anhalt war die Partei von Sahra Wagenknecht totgesagt, nun ist sie dort plötzlich Zünglein an der Waage. Rechnerisch ist am Sonntag also viel möglich.
Müller ist nach Eklat im Landesverband eingesprungen
Müller hat schon früh prophezeit, dass Schwesig im Wahlkampf den sogenannten Stimmen-"Staubsauger" anwerfen wird. Ihr Verhältnis zu der SPD-Frau beschrieb sie in der Vergangenheit nüchtern als "professionell". Die 45 Jahre alte Bundestagsabgeordnete kommt aus Rostock. In der Berliner Ampelkoalition war die Betriebswirtin Koordinatorin der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus. Als Spitzenkandidatin ist Müller in Mecklenburg-Vorpommern letztlich eingesprungen. Der grüne Landesverband hatte sich im vergangenen Jahr zerlegt, Vorwürfe übergriffigen Verhaltens um Spitzenkandidatin Constanze Oehlrich lösten Aufregung aus. Oehlrich musste weichen, Müller übernahm.
Die Frau vom realpolitischen Flügel, die in Berlin regelmäßige Treffen von Grünen mit CDUlern organisiert, welche im Hauptstadt-Sprech als "Pizza-Connection" bekannt sind, tritt weniger laut und bunt auf als etwa Sziborra-Seidlitz in Sachsen-Anhalt. Man könnte auch sagen: weniger charismatisch. Sie sei eben eine Norddeutsche, etwas kühler, aber trotzdem herzlich, heißt es in der Partei auf die Frage, ob die eher zurückhaltende Art wirklich Menschen begeistern könne. Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern seien ja von einem ähnlichen Schlag.
Was deutlich wird: In Partei und Fraktion ist man Müller sehr dankbar, dass sie überhaupt eingesprungen ist. Denn ihre Arbeit in der Bundestagsfraktion, wo sie auch Mitglied des Vorstands ist, wird sehr geschätzt. Für Müller bedeutet ein Scheitern, dass sie ihre Arbeit in Berlin weitermachen könnte. Es wäre sicher nicht das schlimmste Ergebnis für sie persönlich, für den grünen Landesverband hätte es aber drastische strukturelle, finanzielle und personelle Auswirkungen. Läuft es für die Grünen am Sonntag gut, könnte Müller bald Ministerin in Mecklenburg-Vorpommern sein.
Beim "Feministischen Frauenfrühstück" hört sich Müller die Sorgen und Nöte von rund einem Dutzend Teilnehmerinnen an. Ob sie bei diesem Termin neue Wählerinnen hinzugewonnen hat, ist fraglich. Das kleine Publikum ist eher grünen-freundlich. Es geht um Gleichberechtigung, Alleinerziehende, Vereinbarkeit und die Rolle von Männern. Müller macht sich Notizen auf ihrem Tablet, moderiert das Gespräch mit ruhiger Stimme. Prominente Unterstützung sitzt neben ihr, neben Parteichefin Brantner sind die Ost-Beauftragte der Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt, und die Co-Chefin der Grünen Jugend, Henriette Held, gekommen.
Held, die vor einigen Jahren zum Studium nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen ist, ist in den vergangenen Wochen viel im Wahlkampf im Norden unterwegs gewesen. "Ich halte nichts davon, im Wahlkampf ausschließlich auf das Argument des taktischen Wählens zu setzen", sagt sie t-online. "Natürlich spielt es eine Rolle, welche Parteien in ein Parlament einziehen und wie viele Plätze damit einer rechtsextremen AfD-Fraktion zustehen, aber diese Alle-Demokraten-gegen-die-AfD-Strategie darf nicht die inhaltlichen Debatten überdecken", betont die 24-Jährige. Es gehe darum, die Inhalte nach vorn zu stellen und damit zu überzeugen. "Und das machen wir in Mecklenburg-Vorpommern ja auch", fügt sie hinzu.
Pommes in Bad Doberan
Nach dem Frühstück schwärmt die grüne Prominenz ins Land aus, so kurz vor der Wahl wollen alle noch einmal alles geben. Brantner fährt nach Bad Doberan. Die idyllische Kleinstadt nahe der Ostsee ist rund 30 Autominuten von Rostock entfernt, die Dampfeisenbahn "Molli" rollt durch die Innenstadt und bringt die Menschen bis ans Meer.
An einer Straßenecke haben die Grünen einen kleinen Wagen aufgestellt, hier gibt es kostenlos Pommes. Auch Luise Amtsberg, Bundestagsabgeordnete aus Kiel, ist gekommen, um zu unterstützen. Aufgewachsen ist Amtsberg in Mecklenburg-Vorpommern.
Brantner und Amtsberg drehen eine kleine Runde durch die Stadt und verteilen Flyer. Die Sonne ist herausgekommen, auf dem Markt herrscht reges Treiben. "Wir sind aus der Pfalz", "Wir kommen aus Bayern" oder "Ich kann hier nicht wählen, wir sind Niedersachsen": Viele Menschen, die Brantner und Amtsberg ansprechen, sind Touristen. Alle sind freundlich. Und selbst einem etwas grummeligen älteren Mann, der das Angebot eines Flyers entschieden ablehnt, ringt Brantner noch ein Lächeln ab. "Schönen Tag Ihnen noch", sagt sie mit netter Stimme. "Ihnen auch", sagt der Mann plötzlich ebenfalls recht freundlich.
Am zunächst etwas verwaisten Pommesstand ist mittlerweile ordentlich was los. In der Schule nebenan ist Pause. Jetzt gilt es für die Grünen, herauszufinden, wer hier schon 16 Jahre alt ist und wählen darf. "Leider darf ich nicht", sagt ein Mädchen. "Aber meine Schwester", fügt sie fast entschuldigend hinzu. Eine kleine Jungengruppe hat ein eindeutiges Urteil über den Stand mit den Pommes: "Schon geil." Von den drei Jugendlichen dürfen zwei am Sonntag wählen. Kostenlose Pommes allein würden jetzt aber nicht reichen, da müssten schon die Inhalte überzeugen, sagt einer von ihnen. Dass die Grünen Flyer verteilen würden, sei aber super. Das könne man sich ja durchlesen, noch mal mit den Eltern besprechen.
"Kann ich hier meine Wut loswerden?"
Nach der Schulpause sucht Brantner das Gespräch mit einer älteren Frau. Auf ihre Begegnung mit der Grünen-Chefin angesprochen, bricht die 71-Jährige in schallendes Gelächter aus. "Wer ist das? Die Chefin von denen? Das wusste ich nicht." Brantner kommt noch einmal dazu. Die Frau klagt – über schwindenden Wohlstand und den Krieg in der Ukraine. Nein, eine Putin-Versteherin sei sie nicht. Aber Russland habe kein Interesse an diesem Krieg, sagt sie bestimmt. In den Medien würde generell nicht die Wahrheit gesagt, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr, Deutschland fühle sich nicht mehr an wie eine Demokratie.
Brantner hält freundlich dagegen. Die Grüne, die neuerdings eine kleine Deutschlandfahne, gepaart mit einer Europafahne, als Pin am Blazer trägt, sucht den Austausch. Doch die ehemalige Lehrerin, ebenfalls freundlich, lässt sich nicht beirren. Abartig sei das, was in diesem Land passiere, sagt sie mit einem Becher Eis in der Hand. Dann kommt sie auf die Corona-Pandemie zu sprechen. Brantner pflichtet ihr bei, dass die Aufarbeitung bisher schlecht gewesen sei, nennt aber die Enquetekommission im Bundestag. "Die ist doch fürn Arsch", sagt die Rentnerin. Hier sprechen zwei Frauen miteinander, die nicht zusammenkommen, aber immerhin höflich auseinandergehen.
Kaum ist die Rentnerin weg, läuft eine andere ältere Dame auf die Grünen-Chefin zu. "Kann ich hier meine Wut loswerden?", fragt sie. Brantner nickt, setzt sich mit der Frau auf eine Bank. Die Frau habe beklagt, die Grünen seien im Wahlkampf nicht präsent genug, schildert Brantner im Anschluss. Das sei nun aber wirklich nicht der Fall, sagt sie etwas fassungslos.
Michel Friedman wirbt für die Grünen
In der Tat haben die Grünen vor den beiden Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eine Ost-Offensive gestartet. Die klassische Westpartei, die im Osten schwach ist und wenige Mitglieder hat, erhebt den Anspruch, eine gesamtdeutsche Partei zu sein. Das Fiasko von Brandenburg und Thüringen, wo die Partei vor zwei Jahren aus den Landtagen geflogen ist, soll sich nicht wiederholen. Deshalb haben alle zuletzt viel Kraft in die Ost-Wahlkämpfe gesteckt. Zumindest in Sachsen-Anhalt hat sich das auch ausgezahlt. Mecklenburg-Vorpommern bleibt Sorgenkind.
Beim offiziellen Wahlkampfhöhepunkt am Nachmittag in Rostock fährt die Partei noch einmal alles auf, was Rang und Namen hat: Ex-Parteichefin und Social-Media-Star Ricarda Lang, die Fraktionschefinnen Britta Haßelmann und Katharina Dröge, Co-Parteichef Felix Banaszak – sie alle und noch einige mehr sind neben Brantner, Katrin Göring-Eckardt und Held zum Kröpeliner Tor, einem der Stadttore der mittelalterlichen Stadtbefestigung Rostocks, gekommen. Maximale Präsenz zeigen, lautet die Devise. Doch all das nicht genug: Stargast ist Michel Friedman.
Der Publizist, Ex-CDUler und Nachkomme von Holocaust-Überlebenden ist schon im Mai bei einer Veranstaltung der Grünen aufgetreten. Jetzt hält er in Rostock wieder ein flammendes Plädoyer für die Demokratie und die Freiheit. Er sei kein Grüner, sagt er. Doch bei den Grünen gebe es Menschen, die sich für die Demokratie "den Hintern aufreißen". Es sei daher bestimmt keine falsche Wahl, am Sonntag die Grünen zu wählen. Friedman bekommt viel Applaus, die Bierbänke vor der großen Bühne sind besetzt, es gibt Pommes und Getränke.
Claudia Müller begrüßt auf der Bühne das Publikum. "Klimaschutz in die Regierung" steht hinter ihr in großen Buchstaben. Doch zum Auftakt sagt sie etwas anderes. Es gehe in Mecklenburg-Vorpommern nicht darum, wer am Sonntag an der Spitze lande. Es sei klar, dass Schwesig Ministerpräsidentin bleibe. Die Frage sei nur, ob es eine stabile Regierung geben werde, die Zukunftsthemen anpacken könne. Da ist es wieder: das Argument des strategischen Wählens.
Verwendete Quellen
- Eigene Recherchen


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