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Werner Graf: Der Spitzenkandidat der Grünen will Regierender Bürgermeister in Berlin werden. (Quelle: IMAGO/FRANK TURETZEK/www.ft.photos)
Berlins Grüne gehen mit einem recht unbekannten Mann als Bürgermeisterkandidat in die Wahl im September. Werner Graf setzt auf Besonnenheit – doch ob das reicht, ist fraglich.
Er ist bereits da, bevor es eigentlich losgeht. Werner Grafs großer Auftritt am Wahlkampfstand der Grünen im Berliner Ortsteil Steglitz ist eigentlich erst für 11 Uhr geplant. Doch der Bürgermeisterkandidat für die Wahl im September ist ungeduldig und schon früher im Einsatz, verteilt Flyer, redet mit Bürgerinnen und Bürgern und Parteifreunden. Graf, graues Hemd mit "FCK NZS“-Anstecknadel ("Fuck Nazis"), dunkle Hose und Turnschuhe, strahlt, schüttelt Hände, mischt sich unter die Leute. Ganz ungezwungen.
Den Wahlkämpfer aus der Oberpfalz in Bayern kennt laut einer Befragung vor einigen Wochen, bevor die Plakate hingen, allerdings nur rund jeder Vierte in der Hauptstadt. Dennoch will der 46-Jährige nach der Wahl am 20. September Berlins Regierender Bürgermeister werden. Ein Blick auf die Umfragen zeigt: Ausgeschlossen ist das tatsächlich nicht. Doch die Konkurrenz ist nicht nur groß, sie ist auch laut. Und Grafs Wahlkampf ist bisher eher leise.
Der Grüne präsentiert sich als vernünftige Alternative in schrillen Zeiten. "Ich will keine leeren Versprechungen fürs Schaufenster machen, die eh keiner glaubt und die uns auch nicht weiterbringen", sagt Graf zu t-online. Doch der grüne Spitzenkandidat steht mit diesem Ansatz nicht nur vor der Herausforderung, mit seinen Botschaften überhaupt durchzudringen. Auch die möglichen Koalitionspartner könnten seinen Traum vom Chefposten im Roten Rathaus platzen lassen.
Mehrere Parteien liefern sich Kopf-an-Kopf-Rennen
Die Berliner Wahlbefragungen haben es in sich. Es gibt keinen ausgemachten Spitzenreiter, etliche Parteien liegen weitgehend gleichauf. Das heißt: Verschiebungen um nur wenige Prozentpunkte bei der Wahl im September könnten zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Die jüngsten Umfragen sehen die Grünen aktuell zwischen 16 und 17 Prozent. Die Linke liegt wenige Prozentpunkte davor, die SPD abgeschlagen zwischen 12 und 13 Prozent. Es könnte also nach der Wahl für ein linkes Bündnis aus Linken, Grünen und SPD reichen – angeführt von der Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp. Oder eben Graf, sollte er noch deutlich aufholen. Die CDU liegt bei etwa 19 Prozent, auch die AfD bewegt sich in einem ähnlichen Korridor. Sie spielt bei der Koalitionsbildung aber keine Rolle, weil niemand mit ihr gemeinsam regieren möchte.
Graf sagt: "Wir wollen am liebsten ein progressives Bündnis mit SPD und Linken. Das ist kein Geheimnis." Doch diese Option ist in den vergangenen Wochen immer unrealistischer geworden. Die Linke hat zuletzt eine rote Linie gezogen. Bedingung für mögliche Koalitionsverhandlungen nach der Wahl ist für die Partei, dass Wohnungskonzerne vergesellschaftet werden. Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hielt dagegen, dass er in keine Koalition eintreten werde, in der Enteignungen zur Bedingung gemacht werden.
Bleiben beide Parteien bei dieser Position, wäre ein linkes Bündnis passé, bevor die Berlinerinnen und Berliner überhaupt ihr Kreuzchen im September gemacht haben. Werner Graf und seine Grünen stehen einigermaßen staunend daneben und halten sich heraus. Das Ziehen solcher roten Linien mache ihm Sorgen, sagt Graf. "Es ist mitten im Wahlkampf völlig unnötig und nicht hilfreich." Und es berge die Gefahr eines Glaubwürdigkeitsverlusts, wenn am Ende rote Linien wieder abgeräumt werden müssten, sagt der Grüne. Und zweifelt damit an, dass SPD und Linke ihre Tabu-Haltung nach der Wahl durchziehen werden.
Für die Grünen gibt es allerdings noch eine weitere Option: Ein Bündnis mit der CDU von Stefan Evers, der die Spitzenkandidatur im Juli von Kai Wegner nach dessen Kommunikationsdebakel während des Stromausfalls Anfang des Jahres übernahm. Für ein Zweierbündnis müssten beide Parteien allerdings noch stark zulegen, das erscheint unrealistisch. Daher müssten CDU und Grüne die SPD mit ins Boot holen. Offiziell streben die Grünen das nicht an. Aber sie schließen es auch nicht aus.
"Vielleicht schaffen wir ja noch Platz eins"
Am Ende müsse man schauen, in welcher Koalition man am meisten durchsetzen könne, sagt Wahlkämpferin Eva. Sie verteilt Flyer am Wahlkampfstand neben dem Wochenmarkt am Rathaus Steglitz, der Kreisverband ist im reichen Berliner Südwesten stark. Viele Wahlhelferinnen und Wahlhelfer sind an diesem Vormittag gekommen, um Graf zu unterstützen. Es gibt Glücksrad und Wassereis, die Stimmung ist gut.
"Vielleicht schaffen wir ja noch Platz eins", sagt die Wahlkämpferin mit den weißen Haaren. Besonders optimistisch klingt sie nicht. Ein paar Meter entfernt steht der Mann, mit dem das klappen soll: Werner Graf. Ein Passant sucht das Gespräch mit dem grünen Spitzenkandidaten. Die beiden unterhalten sich angeregt, Graf scheint in seinem Element.
Er sei Wechselwähler, sagt der Mann aus Steglitz im Anschluss. Von den roten Linien halte er gar nichts, man müsse doch immer im Gespräch bleiben, sagt er. Extremforderungen würden niemanden weiterbringen. Bei Graf ist er mit dieser Haltung an der richtigen Adresse.
Graf war einst Vorsitzender der Grünen Jugend, Herausgeber des von ihm gegründeten "Hanf-Journal", Mitarbeiter der damaligen Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und von 2016 bis 2021 Landesvorsitzender der Berliner Grünen. Seit 2021 sitzt der gebürtige Bayer, der dem linken Flügel der Grünen zugerechnet wird, im Berliner Abgeordnetenhaus, ist heute dort Fraktionschef.
Im Juli fragte das Umfrageinstitut Infratest dimap für den Sender RBB, für wen sich die Berlinerinnen und Berliner entscheiden würden, könnten sie den Regierenden Bürgermeister direkt wählen. Nur drei Prozent entschieden sich für Graf – Schlusslicht. Stefan Evers von der CDU kam mit elf Prozent auf den ersten Platz. 65 Prozent antworteten mit "weiß nicht".
Graf konnte in den vergangenen anderthalb Jahren beobachten, mit welcher Strategie die Bundespartei nach der verlorenen Bundestagswahl 2025 versucht, sich in der Opposition Gehör zu verschaffen. Konstruktiv statt populistisch und schrill, lautete die Marschroute von Partei- und Fraktionsspitze. Und Graf konnte verfolgen, wie man im Südwesten Deutschlands Wahlen gewinnt: Im konservativen Baden-Württemberg holte Cem Özdemir mit einem bürgerlichen Kurs ohne auffällig grünen Anstrich den Sieg.
Vorbild Cem Özdemir
Graf scheint sich von beidem etwas abgeschaut zu haben. In Berlin will er die Grünen, analog zur Bundesebene, als eine verbindende und besonnene Kraft positionieren, die nicht in den Überbietungswettbewerb um die schrillsten Forderungen gehen. Gut für die Debattenkultur im Land, kann man sagen. Langweilig und beliebig, kann man ebenso sagen.
Graf liefert sich außerdem keinen Überbietungswettbewerb mit den Linken. Das sah Anfang des Jahres noch ganz anders aus, das damals beschlossene Wahlprogramm der Berliner Grünen hatte Schlagzeilen gemacht: Am Berliner Flughafen BER sollen Privatjets nicht mehr starten und landen dürfen, der Weiterbau der Stadtautobahn A100 soll gestoppt werden, weniger Privatautos sollen in der Innenstadt fahren. Das Programm gilt natürlich weiterhin, Graf präsentiert es aber nicht in Krawall-Manier.
Er dürfte auch fürchten, mögliche Wählerinnen und Wähler aus der bürgerlichen Mitte zu verlieren, und sich ein mögliches Bündnis mit der CDU nicht verbauen wollen. Der Grüne umwirbt nicht die jungen und hippen Ikkimel-Fans, auf die die Linken abzielen, sondern geht eher in die Mitte. Es gehe ihm darum, dass die Stadt wieder funktioniere, sagt er. "Das klingt vielleicht nicht so sexy“, gesteht auch Graf ein. Er gibt sich aber überzeugt, dass genau das den Menschen in ihrem Alltag helfe, sie wirklich umtreibe.
Graf will ähnlich wie Özdemir vor allem als pragmatischer Kümmerer und nicht als Schreihals wahrgenommen werden. Der entscheidende Unterschied zu Özdemir: Der war anders als Graf bereits während des Wahlkampfs in Baden-Württemberg enorm bekannt und beliebt. Özdemir musste gar nicht laut sein, um aufzufallen.
Während Eralp von den Linken sich im Berliner Volksbühnen-Freibad im roten Badeanzug und mit Mietendeckel-Goldkettchen fotografieren lässt und Krach von der SPD eine künstliche Surfwelle für das Tempelhofer Feld fordert, bleibt Graf auffällig unauffällig. Blass. Ja, wirkt offen, freundlich, zugewandt. Der nette Mann von nebenan. Doch bisweilen wirkt es, als sei seine "FCK NZS"-Anstecknadel schon das Provokanteste an ihm.
Auch beim Thema Wohnen, dem für die Menschen in Berlin wichtigsten Thema, konzentriert sich Graf nicht auf die Maximalforderung. Bei einem Volksentscheid stimmte die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner vor fünf Jahren dafür, große gewinnorientierte Immobilienunternehmen zu enteignen. Diesem Volksentscheid fühlen sich zwar auch die Grünen verpflichtet; im Wahlprogramm heißt es, man wolle den Volksentscheid "weiter vorantreiben und unterstützen". Besonders enthusiastisch klingt das allerdings nicht.
Die Grünen setzen im Wahlkampf bei der Mietenpolitik andere Schwerpunkte als Enteignung, wollen etwa Büros in bezahlbare Wohnungen umbauen und eine härtere Sanktionierung von Vermietern, die sich nicht an Gesetze halten. Graf betont: "Grüne und Linke sind bei den Positionen zum Thema Wohnen gar nicht so unterschiedlich." Wahrgenommen werden bei dem Thema aber vor allem die Linken – kaum Unterschiede hin oder her.
Die unzuverlässige Linke
Die Linken sind mit Blick auf ein mögliches linkes Bündnis ohnehin das Sorgenkind der Grünen. Konfliktpotenzial birgt neben den roten Linien vor allem das Thema Nahost. Der Umgang mit Antisemitismus spaltet die Linken, bei den Grünen kommen die radikalen Positionen nicht gut an. Parteiintern gibt es Zweifel, ob sich die als gemäßigt geltende Eralp gegen ihre deutlich radikaleren Parteikollegen durchsetzen kann. Und ob sie von der Parteispitze überhaupt die nötige Rückendeckung für eine Regierungsbeteiligung hat.
Gut möglich, dass sich die Berliner Grünen unter diesen Bedingungen innerlich schon von einem linken Dreierbündnis verabschiedet haben und heimlich auf Kenia (also Grüne, CDU und SPD) schielen. In beiden Fällen wären sie an einer Regierung beteiligt; sie können sich also einigermaßen entspannt zurücklehnen und beobachten, wie die anderen Parteien sich im Wahlkampf zerfleischen. Wenn da nicht der Anspruch wäre, den Regierenden Bürgermeister zu stellen.
Am Wahlkampfstand in Steglitz spricht Graf eine ältere Dame an, gibt ihr ein Wassereis. Die beiden kommen ins Gespräch, reden eine Weile miteinander. Sie bevorzuge allerdings die CDU, sagt die Rentnerin im Anschluss an das Gespräch. Die sei verlässlich und tue etwas für die Leute. Werner Graf habe sie allerdings alles Gute gewünscht, der sei ja sehr freundlich gewesen. "Das kann man ja schon machen.“


3 weeks ago
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